Gilla Cremer


Gilla Cremer - „Angst ist der größte
Freiheitskiller“

Schauspielerin Gilla Cremer, 54, tourt mit ihren Solostücken durch Deutschland und hat einen vollen Terminplan. goliving.de sprach mit ihr über Winnetou, balinesischen Maskentanz und das Geheimnis einer gelungenen Vorstellung

Wann wird man schon einmal so verwöhnt? 
Gilla Cremer hat fürs Interview das schönste Fleckchen ihrer Wohnung reserviert: den riesigen Balkon der Gründerzeitvilla mit Blick auf den Isebekkanal, der mittags in der vollen Frühlingssonne liegt. Sie wirbelt durch die Räume, bringt bunte Kissen und Decken, serviert Milchkaffee und Schokolade. „Käsestulle?“, fragt sie fürsorglich, aber man lehnt dankend ab, mit vollem Mund spricht es sich so schlecht. Und Gilla Cremer soll sich endlich setzen. Dann sitzt sie, legt die Füße hoch, schließt die Augen, beantwortet hochkonzentriert jede Frage. Sie ist ein Mensch, der innerhalb kürzester Zeit auf das Wesentliche fokussieren kann. Eine Fähigkeit, die sie in ihrem Beruf mehr als andere braucht. 

Gilla Cremer spielt Ein-Frau-Stücke: 
Seit 1987 arbeitet sie hauptsächlich als Solistin und geht mit ihrem „Theater Unikate“ rund 120 Tage im Jahr auf Gastspielreisen im In- und Ausland. Bis zu zweieinhalb Stunden steht sie als One-Woman-Wonder allein auf der Bühne: singt, tanzt, deklamiert, zieht die Zuschauer in ihren Bann. Ohne pompöses Bühnenbild, mit sparsamer Requisite, muss sie selbst wirken und die Spannung halten. Wie bravourös sie diese Energieleistung meistert, zeigt ihre aktuelle Produktion „An allen Fronten – Lili Marleen und Lale Andersen“. Ein Schauspiel mit Musik über die legendäre Sängerin, die drei kleine Kinder zurückließ und alles für eine große Liebe aufs Spiel setzte. Gilla Cremer gibt diese widersprüchliche Figur mit atemberaubender Präsenz und Intensität: Da ist keine Szene achtlos dahingespielt, keine Geste ohne Absicht. Gilla Cremer lebt ihre Rollen und füllt sie aus. Und das war schon immer so.

Aufgewachsen als viertes von fünf Geschwistern „im märchenhaften Königswinter unterm Drachenfels“, hatte das Spielerische immer viel Platz in ihrem Leben. Es war sogar äußerst erwünscht. Mit Mutter und Tante inszenierte sie jedes Jahr ein Weihnachtsstück – mal war sie das Rumpelstilzchen, mal ein Maikäfer, der sich verflogen hatte, mal gab sie „Peterchens Mondfahrt“. Und auch im Alltag brauchte sie ihr Publikum: „Ich war ein trotziges Kind, das gern Geschichten erfunden und wahnsinnig viel gelogen hat.“ Soweit ging der Trotz, dass sie es als unmöglich empfand, ihre Brüder zu den Pfadfindern ziehen lassen zu müssen, während sie als kleine Schwester  von der Lagerfeuerromantik ausgeschlossen blieb. So stapfte sie eben allein mit dem Hund in den Wald und kreierte ihre Abenteuer selbst: „Ich spielte Cowboy und Indianer, ich war Winnetou und Ntscho-Tschi und Old Shatterhand, immer alles in einer Person.“  

Früh ging sie ihren eigenen Weg und traf auch alle weiteren Lebensentscheidungen mit einer Radikalität, über die sie heute selbst staunt. Nach dem Abitur zog sie 1976 in eine WG nach Frankfurt. „Eine prägende Zeit. Ich war mitten in einem Schmelztiegel künstlerisch, politisch und sexuell aktiver Menschen. Diese unterschiedlichen Strömungen habe ich aufgesogen wie ein Schwamm.“ Das Leben zu studieren reizte sie mehr als ihr Fach Sonderpädagogik, das sie nach einem Semester abbrach. „Ich wollte lieber Welten-Erkunderin werden.“  Ihre Mutter – „eine sehr gute Diplomatin“ – besorgte ihr einen Aupair-Job in Austin/Texas. Dort entdeckte sie den Modern Dance, ging nach New York, lernte die Theaterschriften von Jerzy Grotowski und Peter Brook kennen und entschied, dass ihr der Tanz allein nicht reichte. Verschenkte ihren Besitz und reiste schließlich mit nur einem Säckchen Handgepäck nach Bali, ohne dort jemanden zu kennen oder ein Wort Indonesisch zu sprechen. 

Wie wird ein junger Mensch so angstfrei?
 „Meine Eltern haben mich nie von etwas abgehalten, selbst wenn es sie beunruhigte. Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt und das Wissen, dass ich scheitern durfte und sie mich immer wieder aufnehmen würden. Das sind auch heute noch meine Grundmauern, für die ich meinen Eltern dankbar bin.“ Auf Bali erlernte sie die traditionelle Kunst des Maskentheaters. Eine Erfahrung, von der sie noch heute profitiert. „Die Balinesen haben eine fast kindliche Freude daran, miteinander zu spielen, im Hier und Jetzt, in der Gegenwart. Körperliche Präsenz, wie ich sie auch heute für meine Monologe brauche, ist gerade im Maskentheater zwingend. Man kann nicht über die Mimik sprechen, sich nicht in die Augen sehen, hat keine Worte, um etwas auszudrücken. Und einem Schauspieler, der nicht präsent ist, folgt man nicht. Wenn ich meine Präsenz verliere, verliere ich meinen Dialogpartner: den Zuschauer. Und dann gehen wir gemeinsam baden.“

Zurück in Frankfurt, war sie 1981 Mitbegründerin der freien Gruppe „Theater Tilbut“. Doch die kündigte ihr die Zusammenarbeit auf, als sie schwanger wurde. Das weckte den alten Trotz – jetzt erst recht:  „Dann machte ich eben allein weiter.“ Sie schrieb ihren ersten Monolog „Odyssee Embryonale“ über Fortpflanzungstechnologien – ein Riesenthema in den 80ern, das Stück feierte bald Erfolge. Endlich war sie Herr über ihre eigene Zeit, konnte bestimmen, wann sie spielte und wie. Das Baby kam überallhin mit, wurde vor der Vorstellung gestillt, währenddessen schlief es. „Alles kein  Problem.“ Kein Problem aber auch deshalb, weil Gilla Cremer ein äußerst disziplinierter Mensch ist. Zum ersten Mal ließ sie in den letzten Wochen eine Vorstellung ausfallen. Vorher erlaubte sie sich das einfach nicht – egal, ob Fieber oder Rückenschmerzen sie lahmzulegen drohten. „Aber das Alter stimmt einen gnädiger und lässt einen milder werden, auch sich selbst gegenüber.“ Ihre Wohnung dient ihr als Rückzugsoase: weitläufige Zimmer, hohe Decken, sparsam möbliert, mit ausgewählten Stücken, in denen Erinnerungen stecken. Was mag das große Holzpferd bedeuten? Oder die Froschfigur mit dem Regenschirm? Farben sind ihr wichtig,  bunte Stoffe. Aber ebenso die Leere, die den Gedanken Raum lässt.

Ist Gilla Cremer auf Tour, hat sie lange Tage durchzustehen. Sie reist ohne Techniker und muss die Licht- und Tonproben an jedem Spielort neu durchgehen. Selten weiß sie, was sie abends erwartet, muss sich immer wieder auf unbekannte Gegebenheiten einstellen. Zündet eine Vorstellung nicht so wie geplant und sie verliert das Publikum, ist es wie eine „Faust ins Gesicht, wenn man es plötzlich merkt“. Wenn das Kunststück einer guten Vorstellung aber gelingt, ist es „beglückend – wie ein gutes Gespräch, oder wie guter Beischlaf“, sagt sie lachend. Zwölf Stücke hat sie abrufbereit im Kopf, viele davon auch auf Englisch. Eine Gedächtnisleistung, für die sie manch einer bewundert.  Gilla Cremer jedoch ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus: „Mein härtester Kritiker bin ich selbst. Ich finde immer irgendwas.“ Rückblickend habe sich ihr Leben aber bisher wunderbar wie ein Puzzle zusammengefügt. Wünsche gibt es noch viele: Sprachen lernen, Medizin studieren, eine Partei für globale Gerechtigkeit gründen. Aber auch: mehr auf sich zu achten, das „Radio im Kopf“ mit dem ständigen Gedankenstrom einmal ausstellen zu können. Die Freiheit zu genießen. Was ist Freiheit für sie? „Gesundheit - die ist die Schwester der Freiheit. Und ohne Angst und Sorgen zu leben, auch wenn ich weiß, dass ich später keine Rente kriege. Angst ist der größte Freiheitskiller.“ Aber wer muss sich schon Sorgen machen, wenn er Winnetou und Old Shatterhand zugleich sein kann?

ANTJE HEIDBÖHMER