Florian Sonnleitner


Geboren für die Musik

Die musikalische Begabung liegt ihm im Blut. Und auch die Liebe zu München. Wie schön für das hiesige Publikum, denn Florian Sonnleitner denkt nicht daran, in eine andere Stadt zu gehen. Ein Gespräch mit dem Konzertmeister des BR-Symphonieorchesters


Die Tür geht auf, und ein Blick genügt, um zu wissen, dass dieser Mann nur Künstler sein kann: sensibel, mit einem Blick, der selbst, wenn er spricht, immer ein wenig versonnen wirkt. Dabei sehr präsent, sehr wachsam. Aber genauso unwillkürlich denkt man auch, dass er eigentlich zu groß ist für die zierliche Geige. Und wirklich sagt er wenig später: „Wenn ich alt bin, werde ich Bratsche spielen. Die liegt mir vom Körperbau viel näher.“ Florian Sonnleitner ist seit 36 Jahren Mitglied eines der zehn besten Orchester der Welt: des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. 26 Jahre davon als Konzertmeister – der Violinen, versteht sich: „Die Geige war immer selbstverständlich.“ 

Diese Selbstverständlichkeit hat ihn scheinbar nicht nur begleitet, sondern ihn durch ein Leben getragen, das ihm weder Revolte noch Kompromisse abverlangte. Ein Grund dafür ist sicher seine außergewöhnliche Begabung, die sich schon sehr früh zeigte. „Ich habe wohl bereits als Kleinkind protestiert, wenn meine Mutter Kinderlieder zwei Töne zu hoch ansetzte.“ Auf Spaziergängen mit seinem Vater, damals Konzertmeister bei den Münchner Philharmonikern, hat er sich spielerisch die Musiktheorie einverleibt: „Quintenzirkel, Harmonielehre – das ist mir zugeflogen.“ Und lange Zeit, fast bis jetzt mit knapp 60, sei er in der Lage gewesen, ein Musikstück nach einmaligem Hören auswendig wiederzugeben – nicht nur den eigenen Part, sondern vertikal durch alle Stimmen. „Das sind intellektuelle Voraussetzungen, die helfen“, sagt er wie als Auftakt zu seiner Vita: Mit fünf Jahren der erste Geigenunterricht beim Vater, mit zwölf Gewinner bei „Jugend musiziert“, dann „die Wunderkindjahre“. Klingt selbstverständlich! 

Sonnleitner studiert später in München bei Gerhard Hetzel, danach ein Jahr in Wien bei Wolfgang Schneiderhan. Es sollte das musikalisch prägendste werden. Und das einzige Jahr außerhalb Münchens bleiben. Das BR-Symphonieorchester umwarb ihn da schon. Es war die beste und einzige Alternative, „bequem und heimatverbunden“, wie er war. In dasselbe Orchester wie sein Vater oder in ein Opernorchester wollte er nicht. Es war die richtige Entscheidung. Er sitzt im klassischen Eames Chair im Arbeitszimmer der klassischen Schwabinger Altbauwohnung und schenkt Espresso aus der klassischen Bialetti nach. Und das alles ist so stimmig, dass man ihn selbst, im besten Sinne, zu den Klassikern zählen möchte. Irgendwie ist er das ja auch, als „einer der wenigen Aktiven, der noch mit allen sechs Chefdirigenten gespielt hat.“ Mit ihnen hat er die Entwicklung „zu einem Orchester mit internationaler Spielkultur“ erlebt. Man könne das spüren, am Klang, an der instrumentalen Brillanz. Und wenn er erzählt, dann spricht da unüberhörbar der geborene Orchestermusiker, für den Kommunikation und Gemeinschaft immer Bereicherung waren: „Ich hab mich nie als verhinderter Solist gefühlt. Wenn da vorne diese Klangmasse an einem vorbeizieht zum Publikum – da können ekstatische Zustände entstehen.“ Aber es geht ihm auch um künstlerischen Gestaltungswillen.

Abgesehen davon, „dass man als Konzertmeister Klang und Engagement eines Orchesters wesentlich mitbestimmt“, hat er immer auch die eigenen musikalischen Ansichten umgesetzt: als künstlerischer Leiter und Konzertmeister des Bach Collegiums München und Primarius des von ihm gegründeten Concertino München und des Cuvilliés- Streichquartetts. Dazu unzählige Solokonzerte. Sein Markenzeichen: Die Annäherung an die historische Aufführungspraxis, „wenn auch nicht mit zwingender Konsequenz. Die eigene Handschrift ist mir wichtiger.“ Zum Glück: Die Aufführungen seiner Bach-Solosonaten sind legendär – alle sechs, über dreieinhalb Stunden, erzählt er, danach seien das Publikum und er „geistig frisch“ gewesen. Mit Eitelkeit hat die eigene Handschrift nichts zu tun. Viel mehr mit dem Dienst an der Musik. Und er blickt zurück auf die etwa 3000 Konzerte, die er gespielt haben muss, und sagt: „Mein Anliegen wäre, dass ich während all der Jahre den Leuten die Komponisten und ihre Zeit besser verständlich gemacht habe.“ Schließlich müsse Musik auch immer wieder eine Brücke schlagen zu dem, was für das heutige Leben nutzbar sein kann: die enorme emotionale Bandbreite.

 „Musik sind gewonnene Gefühle, emotionale und rationale Appelle“. Will heißen: Beethoven wollte die Welt verbessern, Bach seinem Gott huldigen. Mit diesem Anspruch könne der Interpret den Menschen zeigen, dass Musik ein wesentlicher Bestandteil des seelischen Haushalts ist. Da hat er recht. Selbstverständlich!

BARBARA SCHULZ

Foto: Wolfgang Diekamp